Wer wirft den ersten Stein?

Evangelium nach Johannes Kapitel 8, Verse 3 bis 11 „Die Ehebrecherin“

 

Dieser Bibeltext ist einer meiner LIEBSTEN Erzählungen/ Gleichnisse von Jesus,

einer meiner liebsten Geschichten um Jesus !

 

Warum begeistert mich diese  Geschichte von der sogenannten Ehebrecherin?

Weil sie uns auf die unsägliche Doppelmoral von Menschen hinweist.

Weil sie uns auf wunderbare indirekte Weise den Spiegel vors Gesicht hält.

Schau mal in den Spiegel und dann sage DIR selbst – wer DU in dieser Geschichte bist.

Weil diese Geschichte unzweifelhaft klar macht, warum Jesus von Nazareth verhaftet und verurteilt wurde.

UND – mich begeistert diese Geschichte, weil wir von ihr lernen können.

 

Wie oft habe ich in meinem Leben schon „einen Stein geworfen“ – nur in meinen Gedanken, nur in meinen Gefühlen?

Jeder abschätzige Blick, jeder wertende Gedanke, jedes Urteil – ist ein Stein, den ich werfe.

Jeder verweigerte Handschlag, jede abgelehnte Entschuldigung,

jedes SCHWEIGEN, wo wir lieber reden sollten und jedes Reden, wo wir lieber schweigen sollten: ist ein Stein, den ich werfe.

Wie viele Steine wurden mir schon an den Kopf, ins Herz und in die Seele geworfen –

von denen, die „es besser wissen“, die  sich eine Meinung über mich erlauben, ohne mich zu kennen,

von denen, die sich in sehr engen Grenzen bewegen und meine Liebe zur Freiheit nicht aushalten,

und das Schlimmste ist:

jeder Stein, der in Beziehungen geworfen wird – in denen eigentlich Freundschaft, Liebe und Respekt die Grundlage sind (manchmal waren).

                           

Die Schriftgelehrten und die Pharisäer - also die Hüter der Lehre und der Gesetze – bringen in aller Herrgottsfrühe eine Frau zu Jesus – in den Tempel (oh,  ich kann mir das gut vorstellen, wie „man“ an ihr zerrte),

sie schubste, sie mit Worten attackierte).

Die Frau hat keinen Namen.

Sie ist kein Mensch, kein Subjekt, keine Frau.

Sie wird zum Objekt verbaler Beschimpfungen – verbaler Steine …

Sie wird im Tempel „an den Pranger gestellt.

OHHH - das können wir Menschen gut: andere an den Pranger stellen –

mit dem Finger auf „die da“ zeigen –

das können viele Menschen sehr gut- vor allem, wenn sie sich im Recht fühlen.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer – sie HABEN sogar Recht.

„Nach dem Gesetz des Mose (wer sich damit mal beschäftigen möchte, sollte das 3./4. und 5.Buch Mose lesen)

Also:

Die Schriftgelehrten und Pharisäer – sie HABEN sogar Recht. Sie zitieren das mosaische Gesetz :

Mose hat gesagt, wenn eine Frau beim Ehebruch erwischt wird, muss ( darf???) sie gesteinigt werden.

WO ist der Mann, mit dem sie „erwischt wurde“?

 

Dann kommt es noch dicker!

Das sagten sie aber, um ihn (Jesus) zu versuchen.

Die Schriftgelehrten: Sie wollen Jesus in Verlegenheit bringen. Sie wollen JESUS provozieren.

Die Frau ist ihnen völlig(!!!) egal.

Sie wird benutzt, sie wird instrumentalisiert, sie ist wirklich ein OBJEKT des Gedankens: mit ihr kriegen wir ihn!

Sie reiben sich die Hände.

JETZT muss sich Jesus zum mosaischen Gesetz bekennen. Wenn er es nicht tut, können wir ihn anklagen.

Wir perfide, wie gemein, wie rücksichtslos und arglistig.

Und mittendrin: steht sie (oder liegt auf dem Boden) …. WAS für ein Albtraum.

Doch Jesus ist ja klug.

Er begreift das gemeine Spiel mit der Frau und mit ihm sofort.

UND:                       

 

Er sagt erst einmal gar nichts.

 

DAS ist etwas, was wir von ihm lernen können.

DAS ist etwas, was ich immer wieder neu lernen möchte:

Erst einmal NICHTS sagen.

Gerade in aufgeregten Momenten, in aufgeheizten Situationen, in Streitgeprächen, wenn es um Vorwürfe geht, wenn es um eine Auseinandersetzung geht,

wenn zwei Gedanken und Gefühlswelten aufeinander…prallen. (Das kommt in den besten Familien und Freundschaften vor)

wenn die Gefühle überschwappen

erst einmal schweigen.

Nachdenken.

Sacken lassen.

Überlegen.

Abwägen.

Klug sein…

(Das Schweigen darf KEINE Strafe sein! – Wer zunächst keine Worte findet, darf das ruhig sagen)

JESUS schweigt.

Und schreibt erst einmal was auf den Boden.

Es gibt Theolog*innen, die sich bis heute den Kopf darüber zerbrechen, WAS Jesus wohl auf den Boden schrieb.

Mir ist das nicht wichtig.

Vielleicht hat Jesus ja auch nur mit dem Finger auf dem Boden rumgemalt (ich erinnere mich an Schulstunden, in denen ich SO tat, als würde ich was in mein Heft oder aufs Papier schreiben)

Jesus malt mit seinem Finger auf dem Boden.

Vielleicht um sich selbst zu beruhigen, zu konzentrieren, zu sammeln.

                            

DAS Schweigen tut den Fragenden weh – sie halten das Schweigen nicht aus. Fühlen sich eventuell nicht ernst genommen.

HAT er uns gehört? HAT er verstanden, was Sache ist? Warum sagt er nichts.

Sie drängen Jesus – endlich was zu sagen.

Und dann kommt dieser berühmte, oft zitierte, wunder-bare Satz!

Den ich so liebe, den ich SO gut finde, auch: weil dieser Satz MICH selbst immer wieder davor bewahrt: den Stein zu werfen.

WER von Euch OHNE Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Der Satz muss nicht erklärt werden.

Der Satz versteht sich von selbst.

Der Satz trifft alle ins Herz, die wenigstens ein bisschen Verstand, Menschenliebe, Weisheit. Klugheit und Erkenntnis in sich tragen

 

WER von Euch OHNE Sünde ist, werfe den ersten Stein

Ein Satz der Demut.

Ein Satz der Selbsterkenntnis.

Ein Satz, der dazu führen KÖNNTE – im Frieden miteinander zu leben.

Ein Satz, der mich immer wieder ermahnt : keine Steine zu werfen.

                           

Ich liebe diese Geschichte sehr – AUCH weil sie mit diesem Satz nicht endet, sondern noch weitergeht.

Nachdem die Ankläger und Provokateure gegangen sind (ob sie wirklich dazu gelernt haben?) …

bleibt Jesus mit der Frau allein.

(Ich frage mich kurz, wo den „alles Volk“ geblieben ist, von dem am Anfang die Rede war) –

Nun denn: am Ende bleiben „die Frau und Jesus“ allein zurück.

JETZT erst nimmt Jesus sie in den Blick.

JETZT erst schaut Jesus sie an.

Hat er sie bis dahin ignoriert, war sie ihm bis dahin egal?

Im Gegenteil, behaupte ich :

Jesus hat sich bewusst nicht mit der Frau beschäftigt, sie ganz bewusst NICHT in den Blick genommen – und NICHT an den Pranger gestellt.

 

Jesus hat – durch sein Verhalten diese Frau geschützt, den Blick der Menge, der Gesetzestreuen von ihr gezogen:

Alle konzentrierten sich auf IHN.

Nachdem alle gegangen sind – schaut Jesus sie an, stellt er Vertrauen her. Nimmt Jesus die Frau sehr ernst.

„Ach“, sagt er, „sind sie alle fort?“

„Ja“, sagt die Frau, „sie sind alle fort.“

Ok – GUT sagt Jesus: ich gebe Dir einen Rat:

„sündige hinfort nicht mehr“.

 

Jesus traut ihr zu, dass sie ihr Leben/ihr Verhalten ändert.

Jesus traut ihr zu, dass sie nach-denklicher nach Hause geht.

Ende der Geschichte. Amen

© Ingrid Kibilka, Porz